Gemeinsam gegen Nagerplagen

Aufklärung ist wichtig: Wenn die Enten am Stuttgarter Schloss gefüttert werden, profitieren davon auch die Ratten – das soll natürlich nicht sein. Foto: Adobe Stock/tichr

Stuttgart verfolgt einen außergewöhnlichen Ansatz bei der Rattenbekämpfung: Im Mittelpunkt steht eine überbehördliche Koordination verschiedener Ämter, Behörden und Institutionen. Bei diesem analogen Problem spielt die (digitale) Vernetzung eine zentrale Rolle.

Im Mittelpunkt der Rattenbekämpfung steht in Stuttgart das Amt für Öffentliche Ordnung (AföO). Gemeinsam mit dem Kanalnetzbetreiber, der Stadtentwässerung Stuttgart (SES), werden dort die Maßnahmen mit dem Garten-, Friedhofs- und Forstamt, dem Gesundheitsamt, dem Amt für Umweltschutz, der Wilhelma und nicht zuletzt auch der Stuttgarter Straßenbahn (SSB) koordiniert.

An den regelmäßigen Treffen nehmen alle involvierten Behörden teil. Während andernorts debattiert wird, wer für die einzelnen Ratten zuständig ist und wem sie „gehören“, wenn sich deren Revier über verschiedene Bereiche erstreckt, setzen die Behörden in Stuttgart auf gemeinsame Verantwortung und lückenlose Zusammenarbeit.

Sie haben erkannt, dass die effektive Bekämpfung von Ratten mit Aufklärung und Prävention beginnt. Die Überpopulation von Ratten entsteht beispielsweise durch die Fütterung von Tauben, Enten oder Schwänen. Auch der arglose Umgang mit Essensresten ist nicht förderlich, zieht doch das liegengelassene Sandwich im Park Ratten und Mäuse an.

„Viele Park- und Grünflächen wie unser Schlosspark sind täglich mit Ratten konfrontiert“, berichtet Martina Simacher vom Fachbereich Parkpflege der Wilhelma, die für die landeseigenen Parkflächen wie den Schlossgarten in Stuttgart verantwortlich ist. „Die Aufklärung der Bevölkerung ist somit entscheidend, denn das Überangebot an Lebensmittelresten führt unmittelbar zu einer Übervölkerung von Ratten im Schlossgarten.“

Nachdenken über Essensreste

Das Problem ist auch bei der Stadtentwässerung Stuttgart bekannt. „Je weniger achtlos weggeworfene Lebensmittel die Ratten füttern, desto weniger müssen wir Überpopulationen bekämpfen“, betont Maik Martin, SES-Sachgebietsleiter für Kanalwartung und -Inspektion. „Die Aufklärung der Bevölkerung ist deshalb ein zentraler Aspekt unserer Arbeit.“

Neben der Prävention und Aufklärung ist es wichtig, dass die Ratten effektiv bekämpft und Anfragen oder Meldungen von Bürgerinnen und Bürgern schnell und unkompliziert beantwortet werden. Sabine Dorsch, Verantwortliche für Schädlingsbekämpfung beim Amt für öffentliche Ordnung, betont die Notwendigkeit einer gemeinsamen Datenbasis: „In Anbetracht der Herausforderungen müssen alle an einem Strang ziehen, und die Maßnahmen der beteiligten Behörden von Stadt und Land müssen eng abgestimmt werden. Maßgeblich für die erfolgreiche Zusammenarbeit ist eine gemeinsame Datenbasis, mit der sich erkennen lässt, wann und wo Problemzonen entstehen, da Ratten keine Grenzen der Verantwortlichkeit kennen.“

In Stuttgart setzen die Stadtentwässerung wie auch das Amt für öffentliche Ordnung zu diesem Zweck auf ein System, mit dem mitunter in Echtzeit vom PC aus erkannt werden kann, wo sich aktuelle Rattenhotspots befinden. Die Registrierung erfolgt über vernetzte Köderschutzboxen, die Besuche durch Schadnager erkennen. Per Funk und Cloud werden diese und weitere Daten übertragen und können so letztlich über einen Webservice von autorisierten Personen eingesehen werden.

Dank der Datenbank können Anfragen bei Schadnagersichtungen durch Bürger vom Amt für öffentliche Ordnung beantwortet werden — also beispielweise, ob vor Ort bereits Ratten gesichtet wurden und welche Maßnahmen in dem betroffenen Gebiet aktuell ergriffen werden. Der jeweilige Sachbearbeiter hat dabei unmittelbaren Einblick und kann die Anfrage beantworten, ohne Rücksprache mit anderen Behörden halten zu müssen. Das entlastet die Behörden, während sich die Bürger über den schnellen und guten Service freuen.

Die Digitalisierung steigert also auch bei der Rattenbekämpfung die Effizienz. Die Stadtentwässerung Stuttgart teilt ihre Onlinelösung mit dem Amt für Öffentliche Ordnung – eine vorbildliche digitale Kooperation. Die Vernetzung erleichtert die Zusammenarbeit und entlastet Mitarbeiter auf beiden Seiten spürbar.

Alle ziehen an einem Strang

Diese fortschrittliche Herangehensweise könnte als Beispiel auch für andere Städte und Gemeinden dienen. Eine derartige Koordinierung der Rattenbekämpfung erfordert allerdings einen gemeinsamen Willen und ein partnerschaftliches Vorgehen aller beteiligten Behörden.

In Stuttgart übernimmt das AföO die Schlüsselrolle in der Koordination, während die SES die Umsetzung der Maßnahmen im Kanalnetz verantwortet. Gemeinsames Ziel ist die enge Verzahnung der Rattenbekämpfung und die Nutzung fortschrittlicher, vernetzter Hilfsmittel zur Vereinfachung der Prozesse.

Impulsgeber für andere Kommunen

„Als Netzbetreiber übernehmen wir in Abstimmung mit dem AföO gerne wesentliche Aufgaben bei der Rattenbekämpfung, um unser Personal zu schützen, und stellen die gemeinsame Onlineplattform zur Verfügung, von der alle profitieren können“, sagt Jürgen Sprich, Dienststellenleiter des Kanalbetriebs der Stadtentwässerung Stuttgart. „Wir begrüßen die Zusammenarbeit mit allen betroffenen Behörden ausdrücklich und teilen unsere Kompetenz gerne.“

Positiv äußert sich ebenfalls Dr. Albrecht Stadler, verantwortlicher Abteilungsleiter im Amt für öffentliche Ordnung: „Die engere Verzahnung und Zusammenarbeit aller beteiligten Institutionen ist ein bedeutender Schritt. Wir werben dafür, dass sich möglichst viele an die Onlineplattform anschließen, in Stuttgart mit seinen vielen Landesflächen, etwa Schlossplatz und Schlossgarten, gerade auch das Land. Außerdem möchten wir dieses Erfolgsrezept bei der überbehördlichen Zusammenarbeit gerne mit anderen Städten, Gemeinden und Kommunen teilen, denn es bringt viele Vorteile.“

Tillmann Braun


Der Autor

Tillmann Braun ist Fachjournalist mit Schwerpunkt IT und Digitalisierung aus Haiterbach.