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Neue Prognosen zur Demenzentwicklung zeigen erhebliche regionale Unterschiede. Kommunen sind daher gefordert, Prävention, Versorgung und Pflege vorausschauend zu gestalten.

Ein Plädoyer von Dr. Carola Reimann, Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes
Manche Prognosen elektrisieren. Als unser Wissenschaftliches Institut der AOK (WIdO) im Juni meldete, dass nach seinen neuesten Berechnungen die Zahl der Demenzerkrankten von heute 1,3 Millionen auf 2,1 Millionen bis 2060 ansteigen wird, hat mich aber nicht so sehr dieser prognostizierte Anstieg aufgewühlt. Der wachsende Pflege- und Betreuungsbedarf ist seit Jahrzehnten bekannt.
Was mich vor allem aufhorchen ließ, sind die enormen regionalen Unterschiede und die damit einhergehenden, teilweise erheblichen Planungserfordernisse und Präventionsmöglichkeiten für die Kommunen, die das kleinräumige Prognoseverfahren offenbart: Beim reinen Zuwachs der demenziell Erkrankten, aber auch im Verhältnis der Demenz-Fälle zum Anteil der Personen in der Erwerbsbevölkerung, zeigen sich teilweise riesige Herausforderungen. Dieses Verhältnis ist insofern aufschlussreich, als es künftige Versorgungsrisiken bzw. Versorgungspotentiale deutlich macht.
Die schlechteste Prognose haben hier ostdeutsche Landkreise. Im Landkreis Elbe-Elster werden laut Prognose im Jahr 2060 auf 100 Personen in der Erwerbsbevölkerung 20,9 Demenz-Fälle kommen. Heute sind es erst 4,2. Die günstigste Prognose hat die Stadt München mit 2,6 Demenz-Fällen auf 100 Erwerbstätige (heute 1,7).
Kommunen müssen sich auf mehr Demenzkranke einstellen
Demenz ist eine ganz konkrete Herausforderung auf kommunaler Ebene, und die regionalen Unterschiede werden größer. Auf jeden Fall dürfte die Modellrechnung für einige Kreise ein Weckruf sein. Was können Kommunen zur Verbesserung der Präventions- und Versorgungsperspektive von Demenz tun; und wie stärken sie ihr Erwerbspersonenpotential vor Ort?
Experten denken hier vor allem zunächst ans Angebot der Pflegedienste und Pflegeheime mit spezieller Ausrichtung, denn Menschen mit Demenz haben spezielle Bedarfe für pflegerische Versorgung. Auch Angehörige bzw. Pflegepersonen von Demenzkranken brauchen Unterstützung – finanziell, zeitlich und psychologisch. Und in Pflegeheimen braucht es mehr psychosoziale Versorgung.
Die Ergebnisse zu der regionalen Entwicklung der Demenz-Fallzahlen und der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter ermöglichten jedenfalls die frühzeitige Planung der notwendigen Anpassungen der Versorgungsstrukturen. Die Prävention von Demenz ist nicht nur gesundheitspolitisch sinnvoll, sondern auch sozial- und wirtschaftspolitisch dringend geboten – bei gleichzeitigem Ausbau von Versorgungsstrukturen, damit sich abzeichnende regionale Engpässe in der Versorgung vermieden werden können.
Prävention kann den Zuwachs bremsen
Dem Szenario liegt die Annahme kontinuierlich steigender Lebenserwartung zugrunde. Unter zusätzlicher Annahme verschiedener Präventionsszenarien, die die Rate der Demenzneuerkrankungen jährlich um 1 bis 2 Prozentpunkte verringern können, liegen die Demenz-Fallzahlen übrigens deutlich niedriger und könnten sich zwischen 1,3 und 1,5 Millionen stabilisieren. Laut Expertenmeinung lässt sich der prognostizierte Zuwachs also auch abbremsen, ja vielleicht sogar aufhalten.
Prävention und Gesundheitsförderung bieten wirksame Hebel, etwa im primärpräventiven Bereich, aber auch bei der sekundärpräventiven Einstellung von Bluthochdruck und Diabetes. Und mit besserer Bildung und stabilen Sozialkontakten kann dagegengehalten und die Zahl der Neuerkrankungen verringert werden. Daraus kann man ableiten, dass Kommunen Aktivitäten gegen Einsamkeit stärken und fördern sollten.
Kommunen haben eine Schlüsselrolle
Demenz ist nur eine Facette des steigenden Pflegebedarfs. Auf jeden Fall sind gute Konzepte auf regionaler Ebene gefragt, die Kommunen haben hier eine Schlüsselrolle inne und tragen viel Verantwortung.
Sie müssen ihre Bürgerinnen und Bürger dabei unterstützen, ein möglichst autonomes und selbstständiges Leben im Alter führen zu können und ihre Selbstpflegekompetenz auszubauen. Und da immer weniger Pflegebedürftige die Möglichkeit haben, Hilfeleistungen aus dem familiären Umfeld zu bekommen, müssen die professionellen Strukturen gestärkt, und die ehrenamtlichen Angebote und Unterstützungsnetzwerkenach dem Leitbild der Caring Communities / Sorgenden Gemeinschaften auf- und ausgebaut werden. Eine Schlüsselressource sind hier die sogenannten „jungen Alten“, das zeigen auch Erfahrungen zu Demenz-WG oder aus Japan (time banking).
Kommunen und Pflegekassen sollten auch beim Quartiersmanagement und dem kontinuierlichen Monitoring der Infrastrukturentwicklung und Pflegebedarfsplanung enger zusammenarbeiten.

Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes
Weitere Informationen zum Thema Demenz
Leitfaden zur Zusammenarbeit von AOK-Pflegekasse und Kommune
Kontakt:
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