Schöner Schein

In Szene gesetzt: Das Lichtdesign der Brückenfamilie wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Deutschen Lichtdesign-Preis 2019. Foto: Andreas Martin

In Riedlingen macht eine Familie auf sich aufmerksam: Drei Donaubrücken entstanden in Harmonie zueinander und zur historischen Umgebung. Solide Konstruktion und modernes Lichtdesign wurden kunstvoll kombiniert.

Der Entwurf und die Realisierung einer Fußgängerbrücke sind anspruchsvolle und vielseitige Aufgaben – nicht umsonst ist der gelungene Brückenschlag gleichzeitig auch der Ritterschlag der Ingenieurbaukunst. Die Kombination von städtebaulichen, architektonischen Aspekten mit funktionalen, statisch-konstruktiven und vor allem auch wirtschaftlichen Kriterien erfordert Fingerspitzengefühl und viel Erfahrung.

Das Besondere an Fußgängerbrücken

Grundsätzlich betrachtet ist die Aufgabe einer jeden Brücke zunächst „nur“, Menschen, Autos, Züge oder gar Schiffe sicher über ein Hindernis hinwegzuführen. Fußgängerbrücken verbinden auch zwei Orte auf kürzestem Weg. Zusätzlich sind diese Brücken direkt und unmittelbar vom Nutzer erlebbar und müssen im Entwurfsstadium noch differenzierter betrachtet werden. Anders als bei Straßen und Eisenbahnbrücken ist der funktionale und statische Spielraum deutlich größer und führt zu einem erweiterten Gestaltungsspielraum.

Bereits in der frühen Konzeptionsphase einer Brücke muss der gesamte Lebenszyklus betrachtet werden: Betrieb, Unterhalt und Rückbau übersteigen oftmals die Herstellungskosten. Die Planung von integralen Brücken wird diesem Anspruch gerecht, denn sie erfordern zwar einen erhöhten Aufwand in der Konzeption und Planung, sind jedoch in der Herstellung absolut vergleichbar mit konventionellen Lösungen und im Unterhalt durch eine lager- und übergangsfreie Ausbildung signifikant wirtschaftlicher.

Eine Brückenfamilie für die Stadt Riedlingen

Am Beispiel von Riedlingen im Kreis Biberach lässt sich anschaulich zeigen, welche Chance in einer solchen Planung steckt. In den vergangenen Jahren mussten umfangreiche Hochwasserschutzmaßnahmen umgesetzt werden, die zur Folge hatten, dass viele der bestehenden Brücken ersetzt werden mussten. Die Brücken sind für die Riedlinger sehr wichtig, da über diese die historische Altstadt erschlossen wird. Die Chance wurde genutzt, mit einem interdisziplinären Team ein stadtplanerisches Konzept zu entwickeln, um so die Ortseingänge mit eigener Aufenthaltsqualität aufzuwerten. Dadurch entstanden drei neue Brücken, eine weitere wird aktuell konzipiert.

Für die vorgestellten Brücken wurden jeweils moderne, elegante Bauwerke angestrebt, die ihre historische beziehungsweise naturnahe Umgebung ergänzen. Gleichzeitig sollten sie als Brückenfamilie einen hohen architektonischen Standard setzen, der als Katalysator für zukünftige Sanierungsgebiete in der Stadt wirken soll.

Die neue Straßenbrücke über den Hochwasserkanal vor denkmalgeschützter Stadtkulisse wurde als integrale Stahlbogenbrücke mit einem Verbunddeck realisiert: Gewählt wurde eine Bogenbrücke, weil dank eines obenliegenden Tragwerks das Mindestfreibord über dem 100-jährigen Hochwasserspiegel gewährleistet ist. Die Planer entschieden sich für eine Stahlverbundkonstruktion, weil durch eine zeitgleiche Durchführung von Abbruch- beziehungsweise Unterbauarbeiten vor Ort mit der Stahlbaufertigung in der Werkstatt die Bauzeit auf lediglich acht Monate begrenzt werden konnte. Dieses ist genau die Zeitspanne nach den Frühjahrshochwassern bis kurz vor Weihnachten. Für die Gründung auf tragfähigem Grund waren etwa zehn Meter lange Pfähle erforderlich. Integral deshalb, da aufgrund ihrer Flexibilität und der moderaten Brückenlänge die Brücke dadurch ohne Lager und Bewegungsfugen ausgeführt werden konnte. Somit entfallen eine aufwendige Wartung sowie gegebenenfalls Lärm beim Überfahren der Fugen.

Mit großer Sorgfalt wurde insbesondere das prägende Element oberhalb der Fahrbahn modelliert: Zwei elegante, flach geschwungene Bogen überspannen den mehr als 34 Meter breiten Kanal. Sie sind zwischen Fahrbahn sowie Geh- und Radweg angeordnet und trennen so die unterschiedlichen Verkehrsräume sicher voneinander. Für die Straßenbrücke wurden robuste LED-Leuchten aus Acryl-/Stahlprofilen entwickelt und als durchgängiges Element seitlich am Bogen montiert. Während sich die Leuchte tagsüber dem Haupttragwerk unterordnet, bleibt nachts, mit hinterleuchtetem Lichtband, die Tragstruktur weithin sichtbar und gewährleistet die funktionale Ausleuchtung der Verkehrsflächen.

Etwa 60 Meter kanalaufwärts entstand mit der Inselbrücke für den Fußgänger- und Radverkehr eine Verbindung vom stadtzentrumnahen Parkplatz über die Donauinsel zur Fußgängerzone der Altstadt. Ursprünglich war der Steg als temporäre Behelfslösung geplant, um trotz Abbruch und Baumaßnahmen an der Straßenbrücke für Fußgänger und Radfahrer den Zugang zur Innenstadt zu gewährleisten. Die Planer erkannten jedoch schnell, dass eine permanente Verbindung die sinnvollere Lösung wäre, um die langfristige Entwicklung der Donauinsel zu einem Naherholungsgebiet zu unterstützen.

Die Überquerung ist eine unaufdringliche Fachwerkkonstruktion, die als Trogbrücke mit Seitenwänden realisiert wurde. Für maximale Transparenz bestehen die Brückenbeläge und Brüstungsausfachungen aus verzinktem Stahlgitterrost, während die Haupttragelemente aus geschweißten Stahlprofilen sind. Die fallenden Diagonalen nehmen gegen Feldmitte ab, was den Kräftefluss nachzeichnet und dadurch optisch die Ansicht rhythmisiert. Mit standardisierten Elementen in Modulbauweise wurde eine kostengünstige und doch filigrane Brücke gefertigt.

Beide Brückenbauwerke bilden gemeinsam den neuen Stadteingang im Süden. Der vielbefahrene Donauradwanderweg, der hier parallel zum Hochwasserkanal verläuft, wurde ebenfalls in die neue Uferzonen- und Platzgestaltung einbezogen. Durch die einheitliche Behandlung der Geh- und Radwege sowie der angrenzenden Flächen entsteht ein großzügiger Freiraum mit Aufenthaltsqualität, der mit einer klaren Wegführung in die Stadt lockt.

Der gleiche Effekt gilt auch für die Nacht: Die Hochwasserkanalbrücke dirigiert mit strahlendem Lichtbogen den Weg in die Stadt, während die eher von innen heraus weich leuchtende Inselbrücke den Blick auf die umgebende Natur sowie die dahinter liegende Altstadt lenkt. Entsprechend dieser Hierarchie sind auch die verbindenden Wege und neuen Areale des südlichen Stadteingangs mit Licht gestaltet: Je stärker und schneller das Verkehrsaufkommen, desto höher sind die Lichtpunkthöhe und die Intensität.

Einen deutlich kleineren, aber sehr feinen Akzent setzt am nördlichen Rand der Riedlinger Altstadt der Spitalsteg. Er verbindet die nördlichen Wohnquartiere über den ehemaligen Stadtgraben durch die Passage des heutigen Museumsgebäudes mit der Innenstadt. Auch bei dieser Brücke handelt es sich um einen Ersatzneubau: Die alte Holzbogenbrücke aus den 1960ern war in einem so schlechten Zustand, dass sie ersetzt werden musste. Die neue Brücke sollte die Breite von etwa zwei Metern beibehalten sowie ein vergleichbares Gewicht wie die alte haben, um keine aufwendigen Änderungen an den Brückenwiderlagern zu benötigen.

Auch bei diesem Steg sorgte die Vorfertigung für gleichermaßen hohe Ausführungsqualität wie auch für kurze Montagezeiten: Die Lieferung und der Einhub des rund zehn Tonnen schweren Stegs erfolgten innerhalb eines Tages. Wenige Tage später konnte die Brücke bereits für die Öffentlichkeit freigegeben werden.

 

Autoren: Knut Stockhusen und Christiane Sander, Ingenieurbüro schlaich bergermann partner