Ladeinfrastruktur / Umwelt & Verkehr

Stadtwerke können doppelt profitieren

Um die Elektromobilität steht es alles in allem viel besser, als es häufig in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Die Marktentwicklung befindet sich noch am Anfang, aber die äußeren Parameter sprechen für die Elektromobilität. Nun liegt es auch an den Kommunen, Ladeinfrastruktur aufzubauen.

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Strom laden: Damit die Elektromobilität Erfolg hat, müssen die Marktentwicklung und der Ausbau der Lade-infrastruktur parallel ablaufen. - Foto: BilderBox

Man stelle sich folgendes Szenario vor: In ein Projekt werden rund 17 Milliarden Euro investiert. Zusätzlich spendiert der Staat 1,5 Milliarden Euro an Förderung. Darüber hinaus arbeitet Deutschlands Industrieelite, rund 150 Experten, monatlich mehrere Tage unentgeltlich für das Projekt, welches zudem nahezu täglich in den Medien auftaucht.

Gemeint ist das Projekt Elektromobilität in Deutschland mit dem für 2020 anvisierten Ziel von einer Million Elektroautos. Die genannten Zahlen beschreiben die Realität der Elektromobilität bis 2015. Doch trotz der hohen Investitionen in allen Bereichen, scheint das Ergebnis eher mau: Nur 0,3 Prozent Marktanteil für Elektroautos und von dem Eine-Million-Ziel hat man gerade einmal drei Prozent erreicht. Auf den ersten Blick klingen diese Zahlen wenig erquicklich. Daher ist es umso wichtiger, einen zweiten Blick darauf zu werfen und kritisch zu hinterfragen, wie es zum aktuellen Stand kam und was dahinter steckt.

Grundsätzlich kann der Staat drei verschiedene Bereiche fördern: die Nachfrage, das Angebot oder den äußeren Rahmen. Bei Letzterem spricht man von der sogenannten Rahmen- oder neudeutsch Framework-Forschung, wozu zum Beispiel Normenentwicklungen, gesetzliche Rahmenbedingungen und Steuern zählen. Seit 2009 unterstützt der Staat schwerpunktmäßig genau diesen Bereich, zunächst in den sogenannten Modellregionprogrammen Elektromobilität I und II und später in den „Schaufenstern Elektromobilität“.

Mittlerweile gibt es verwertbare Ergebnisse: Es gibt beispielsweise den normierten Ladestecker Typ 2 oder das sogenannte Open Charge Point Protokoll (OCPP), über das Ladesäulen mit einem Backend-System kommunizieren und an dieses aktuelle Ladedaten liefern. Es bildet die Basis für ein bundesweites öffentliches Netz von Ladestationen, namentlich ladenetz.de. Zusätzlich klärt das im März 2015 in Kraft getretene Elektromobilitätsgesetz rechtliche Rahmenbedingungen. Berühmt-berüchtigt wurde dieses durch den Passus zur Steuerbefreiung für Elektro-Pkw und den Passus zur Freigabe der Busspuren für Elektroautos in der Stadt. Die Rahmenbedingungen stehen mittlerweile größtenteils, weitere Förderprogramme in diesem Bereich wären daher nur begrenzt zielführend.

Das Ziel: 95 Gramm CO2 pro Kilometer

Neben den Rahmenbedingungen sind Angebot und Nachfrage die beiden großen Felder, die der Staat unterstützen kann. Damit überhaupt eine Nachfrage entsteht, bedarf es eines gewissen Angebots. Bis 2014 gab es außer dem Smart nahezu keine attraktiven Modelle seitens der deutschen Automobilhersteller, und international waren nur Tesla und Renault schon mit attraktiven Modellen im Markt. Dies hat sich mittlerweile geändert, in diesem Jahr kommt eine zweistellige Zahl an neuen Modellen auf den Markt.

Neben den reinen Elektrofahrzeugen erobern zunehmend sogenannte Plug-in-Hybrid-Fahrzeuge den Markt. Diese dienen ebenso wie die reinen Elektrofahrzeuge dazu, das europäische Umweltziel von 95 Gramm CO2 pro Kilometer im Jahr 2020 zu erreichen.

Die Elektromobilität steht noch immer ganz am Anfang einer marktdurchdringenden Entwicklung (Hochlauf). Mit dem Ziel „Eine Million Elektroautos bis 2020“ wurden in der Öffentlichkeit zunächst falsche Hoffnungen geweckt; auch wenn das Ziel durchaus noch erreicht werden kann. Letztlich ist es ohnehin zweitrangig, ob zum Stichtag 2020 eine Million oder 500.000 Elektroautos respektive Plug-in-Hybride auf deutschen Straßen unterwegs sind.

Es ist davon auszugehen, dass schon Mitte der 2020er-Jahre mindestens 30 bis 40 Prozent der Fahrzeuge elektrifiziert sein werden, sei es durch Plug-in-Hypride, reine Elektro- oder Brennstoffzellen-Fahrzeuge. Anders ist das genannte Ziel von 95 Gramm CO2 pro Kilometer nicht zu erreichen, das Mitte der 20er-Jahre auf 60 Gramm sinken soll.

Lange lag der Fokus der öffentlichen Diskussion zur Elektromobilität auf den nicht vorhandenen Autos. Mittlerweile ist ersichtlich, dass der Hochlauf der Automobile und der Hochlauf der Infrastruktur nahezu synchron ablaufen müssen, damit die Elektromobilität Erfolg hat. Ladeinfrastruktur wird für alle Arten von Laden gebraucht, sei es nun für schnelles DC-Laden (Gleichstrom) an Verkehrsachsen, schnelles AC-Laden (Wechselstrom) in der Stadt, langsames Laden beim Arbeitgeber und natürlich für das Laden zu Hause.

Chancen für die Stadtwerke

Deutschlandweit nehmen sich neben den Stadtwerken auch die Kommunen dem Aufbau der Ladeinfrastruktur zunehmend an, vor allem in Berlin, Hamburg, München und Stuttgart. Ladenetz.de, der mittlerweile größte unabhängige Verbund von Stadtwerken für vernetzte Ladeinfrastruktur, spielt eine entscheidende Rolle für das Laden mit einer Karte in ganz Deutschland. Alle vier Wochen schließt sich ein weiteres Stadtwerk diesem Netzverbund an.

  • Durch Kooperationen mit Automobilherstellern, wie beispielsweise BMW, der Volkswagen Group oder Nissan, steigt die Auslastung an den öffentlichen Ladepunkten auf aktuell über 80.000 Ladevorgänge jährlich. Die Idee ist, dass man mit einer Karte bei über 50 Stadtwerken Strom tanken kann vom Allgäu bis Sylt, von Aachen bis Berlin. Die Stadtwerke und Kommunen können Erträge durch das Laden generieren und gleichzeitig die Attraktivität der eigenen Stadt steigern durch das Angebot von Lademöglichkeiten für Elektrofahrzeuge sowie geringe Emissionen und Immissionen für ihre Bürger.

  • Ein weiteres relevantes Thema für Kommunen ist die Dienstwagenbeschaffung. Zwei Faktoren sprechen für Elektrofahrzeuge: Einerseits findet mit der Zeit ein Preisverfall bei Elektrofahrzeugen statt, anderseits wird schon bald der Wiederverkaufswert von Elektro- und Plug-in-Hybrid-Fahrzeugen höher als bei Verbrennern sein. Die Gründe hierfür sind der größere Restwert, geringere Unterhaltskosten, niedriger Verbrauch sowie die Steuerbefreiungen für Elektrofahrzeuge. Elektrifizierte Firmenfahrzeuge lohnen sich somit auf lange Sicht auch finanziell für Unternehmen und Kommunen.

Mark Steffen Walcher

Der Autor
Dr. Mark Steffen Walcher ist Geschäftsführer der Smartlab Innovationsgesellschaft, einem Unternehmen der Stadtwerke Aachen, Duisburg und Osnabrück mit Sitz in Aachen

Info – Mehr Ladepunkte: In Deutschland gibt es immer mehr Ladepunkte für Elektrofahrzeuge. Im letzten Jahr standen insgesamt 5500 öffentlich zugängliche Ladepunkte zur Verfügung. Nach Angaben des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) sind seit Mitte 2014 damit über 800 neue Ladepunkte hinzugekommen.

Laut BDEW sind mittlerweile 839 Städte und Gemeinden mit mindestens einer öffentlichen Ladestation ausgestattet (Dezember 2013: 652). Nordrhein-Westfalen ist das Bundesland mit den insgesamt meisten öffentlichen Ladepunkten (1321), gefolgt von Baden-Württemberg (1115) und Bayern (756). Unter den deutschen Städten sind Stuttgart (384), Berlin (247) und Hamburg (236) mit den meisten öffentlichen Ladestationen ausgestattet. Auf den Straßen fuhren im Dezember 2014 insgesamt 26.006 Fahrzeuge mit elektrischem Antrieb (2013: 13.548).