Kirche und Kommune sichern Zukunft im Dialog

Würzburg mit Rathaus (Mitte) und Kirchen: Noch ist so viel Substanz und innovative Kraft in den beiden großen Kirchen in Deutschland vorhanden, dass die Kommunalpolitik gut beraten ist, das für die Fortentwicklung ihrer Gemeinde zu nutzen. - Foto: JFL Photography/Fotolia

Die Kirche hat nach wie vor große Bedeutung für die Entwicklung von Städten und Gemeinden. Das zeigt sich zum Beispiel an ihren Beiträgen zur wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Wertschöpfung. Dieser Beitrag geht der Frage nach, wie Kommunen dieses Potenzial der Kirchen nutzen können.

In den rund 12.000 deutschen Kommunen stehen etwa 45.000 Kirchen, davon 24.500 katholische und 21.100 evangelische. Die Kirche als Bauwerk und als Institution hat nach wir vor für die Kommunen eine hohe Bedeutung, die aber weithin unterschätzt wird, auch wenn kirchliche Gebäude an vielen Orten das Stadt- oder Dorfbild prägen.

Unser Land wirkt in den Medien und im Erscheinungsbild oft sehr entchristlicht, die großen Konfessionen haben mit einer Reihe von öffentlich breit diskutierten Problemen zu kämpfen. Aber die Kirchen sind dennoch in vielfältiger Weise präsent. Überall gibt es hochaktive Kirchengemeinden und ein großes Engagement kirchlicher Einrichtungen.

Als Mittel zur Verwirklichung ihrer religiösen Sendung brauchen auch die Kirchen organisatorische Strukturen, einsatzbereite Menschen, finanzielle Mittel und Immobilien. Dadurch sind sie vielfältig mit dem sozialen und wirtschaftlichen Leben der Kommunen verflochten. Insbesondere für kleinere Kommunen in ländlichen Räumen haben die Kirchen und ihre Einrichtungen Bedeutung als Träger und Mitgestalter lokaler und regionaler Infrastruktur.

Wie die Kommunen müssen sich auch die kirchlichen Organisationen auf die enormen Herausforderungen einstellen, die das ganze Land verändern, vor allem auf den massiven demografischen Wandel mit einer alternden Gesellschaft und dem Zustrom vieler Menschen aus anderen Kulturen, auf den wirtschaftlichen Wandel und auf das grundlegend veränderte Verhalten der Bürger als Konsumenten, als Mitglied von Vereinen und als Teil der örtlichen Gemeinschaft. Einige Fakten sollen die Lage mit Blick auf die Kirchen veranschaulichen:

Die Zahl der Kirchenmitglieder ist seit Jahrzehnten rückläufig. Die Zahl der Mitglieder der Evangelischen Kirche Deutschlands ist seit 1990 bis 2015 von 29,4 auf 22,3 Millionen zurückgegangen (minus 24,1 Prozent). Bei der römisch-katholischen Kirche sank die Zahl der Mitglieder im selben Zeitraum von 28,3 auf 23,8 Millionen um 16 Prozent. Kirchenbesuch und kirchliches Engagement haben fast überall nachgelassen. Kirchliches Leben scheint auf dem Rückzug zu sein.

Doch trotz der bekannten Verluste sind in Deutschland noch immer mehr Menschen Mitglied der Kirchen als jeder anderen Organisation. Der Anteil der Christen an der Gesamtbevölkerung liegt noch immer bei über 60 Prozent. Christliche Positionen spielen in der Meinungsbildung über die Werte der Gesellschaft eine große Rolle.

Wenn man die genannten und weitere widersprüchlich scheinende Befunde gegeneinander abwägt, kann man bilanzieren: Die Kraft der positiv wirkenden Faktoren reicht sicher nicht aus, um den belastenden Einfluss der oben skizzierten negativen Tendenzen auszugleichen. Doch noch immer ist so viel an Substanz und innovativem Impuls in den Kirchen vorhanden, dass ein vorausschauender Kommunalpolitiker gut beraten ist, darin ein Aktivum zu sehen, das sich für die Fortentwicklung seiner Gemeinde zum beiderseitigen Vorteil nutzen lässt.

Gestaltungskraft des Gemeinwesens

Grundlage einer guten Kommunalentwicklung ist die Vitalität, also die Lebendigkeit und Gestaltungskraft des Gemeinwesens. Sie ist sowohl Ergebnis einer früheren hohen wie auch Voraussetzung für künftige Wertschöpfung. Die Gesamtwertschöpfung, die der Standort mit allen seinen Unternehmen und Institutionen leistet, umfasst die wirtschaftliche, die soziale und die kulturelle Wertschöpfung.

Zur wirtschaftlichen Wertschöpfung tragen die Kirchen in bedeutendem Umfang als Wirtschaftssubjekte und große Arbeitgeber bei. Die evangelische und die katholische Kirche in Deutschland beschäftigen zusammen etwa 1,3 Millionen hauptamtliche Mitarbeiter. Sie sind Auftraggeber und Käufer bei Handwerkern, Künstler und Einzelhändlern. Die laufenden Aufwendungen dieser Art erreichen schon bei durchschnittlich großen Pfarreien mit rund 1500 Mitgliedern leicht eine Größenordnung von mehreren Hunderttausend Euro pro Jahr, die in der Regel örtlichen Unternehmen zufließen.

Die Kirchen sind Grundstückseigentümer und Vermieter/Verpächter von Grundstücken und Bauten. In der Regel sind die Immobilien einer Kirchengemeinde im Eigentum der jeweiligen Pfarreien, die oft auch auf dem Immobilienmarkt aktiv sind.

Die soziale Wertschöpfung umfasst alle die Aktivitäten, die die Daseinsvorsorge betreffen und das soziale Klima prägen Die Kirchen als Träger sozialer Dienste betreiben zum Beispiel Kindergärten, Krippen, Kindertagesstätten und Schulen. Im Jahre 2014 wurden allein in rund 9330 Kindertagesstätten in katholischer Trägerschaft insgesamt rund 592.300 Kinder von etwa 86.400 Mitarbeitern betreut. Die evangelische Kirche unterhält ungefähr 8600 Kitas und Horte mit 55.500 Plätzen und rund 95.200 Beschäftigten.

Die Kirchen leisten Lebenshilfe wie Telefonseelsorge, Jugend- und Seniorenarbeit, sie unterhalten Krankenhäuser, Sozialstationen, Heime und helfen Obdachlosen und anderen „Randgruppen“. Die Zahl der hauptamtlich Beschäftigten in den 24.391 sozialen Einrichtungen und Diensten der katholischen Kirche (Caritas: Barmherzigkeit) beläuft sich auf rund 590.000. Bei der evangelischen Kirche (Diakonie: Dienst am Menschen) sind es ungefähr 465.000 Personen (ca. 419.000 Voll-Arbeitsstellen), sie werden von je etwa 550.000 ehrenamtlich Aktiven unterstützt.

Für den Kommunalpolitiker entscheidend: Diese Angebote stehen in der Regel allen Bürgern offen. Viele davon werden auch von vielen Menschen genutzt, die keiner der beiden Kirchen angehören. Viele dieser Dienste müssten die Kommunen übernehmen, wenn die Kirchen dazu nicht mehr in der Lage wären. Andernfalls würde das Gemeinwesen Schaden leiden.

Die kulturelle Wertschöpfung erfasst die Gesamtleistung aller Kulturschaffenden im weitesten Sinne. Jedes Gemeinwesen hat sein eigenes kulturelles Profil und das verdankt es in der Regel zum großen Teil seinen in Vereinen ehrenamtlich aktiven Bürgern, aber auch den Kirchen, denn sie prägen immer noch zu einem guten Teil die örtliche Kultur. Die Kirchen betreiben Schulen aller Schulformen und Einrichtungen der Erwachsenenbildung. Allein 300 katholische Träger unterhalten 900 Schulen aller Schulformen, die von 370.000 Kindern und Jugendlichen besucht werden.

Für die kommunale Tourismusförderung hat die Fülle bauhistorisch prägender Kirchenbauten und Klöster samt den Kunstwerken in den Kirchen eine fundamentale Bedeutung. Von den 24.500 katholischen Gotteshäusern in Deutschland sind 23.000 denkmalgeschützt.

Zwar sind alle Akteure an einem Standort zwangsläufig vielfach Weise miteinander verbunden und voneinander abhängig, aber wegen unterschiedlicher Sichtweisen, Interessen und Zuständigkeiten gibt es häufig Konflikte. So zum Beispiel in Bezug auf Weihnachtsmärkte, verkaufsoffene Sonntage oder das dezibelstarke Glockenläuten. Ein großer Teil dieser Konflikte geht auf Mangel an gegenseitigem Verständnis zurück. Es ist eine lohnende Aufgabe der Kommunalpolitik und -verwaltung, die Voraussetzungen für die Zusammenführung der Akteure zu schaffen.

Karl J. Eggers

Der Autor
Dr. Karl J. Eggers ist freiberuflicher Unternehmens- und Kommunalberater in Lambrecht/Pfalz

Info: Kooperation im Quartier
Die soziale Daseinsvorsorge benötigt als Querschnittsaufgabe das Zusammenwirken unterschiedlicher Akteure vor Ort. Das bundesweit angelegte Entwicklungsprojekt „Kirche findet Stadt“ der katholischen und evangelischen Kirche zeigt vielfältige Potenziale für die Stabilisierung und Verbesserung der Lebensqualität in den Stadtteilen und Quartieren auf. An insgesamt 18 „Pionierstandorten“ erproben die Wohlfahrsverbände Caritas und Diakonie Entwicklungspartnerschaften. Sie dienen der Bekämpfung von Armut und Ausgrenzung und dem generationenübergreifenden Zusammenleben. Weitere Handlungsfelder ist die Schaffung von Orten der Begegnung und Integration sowie die Gesundheitsförderung, Pflege und Inklusion. Diesen „Rückenwind“ für einen besseren Zusammenhalt kann die einzelne Kommune für sich nutzen, wenn sie das Potenzial der Kirchen für ihre eigene Entwicklung ausschöpfen will.

Zahlen und Fakten zum kirchlichen Leben:
Evangelische Kirche in Deutschland
Deutsche Bischofskonferenz, Katholische Kirche in Deutschland