„Genau rechnen und langfristig denken“

Hochhaus: Klar erkennen lassen sich finanzielle Vorteile einer energetischen Sanierung erst durch eine Vollkostenrechnung. - Foto: Photowahn/Fotolia

Energetische Sanierungen zahlen sich auch bei älteren Gebäuden aus. Das sagt Prof. Dr.-Ing. Friedrich Sick von der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin. Im Interview erklärt er, was gute Planung ausmacht, wie Kommunen von ihr profitieren und welche Technik ein Zukunftshaus braucht.

Herr Prof. Sick, Sie sagen, energieeffizientere Gebäude seien der Schlüssel für den Erfolg der Energiewende. Warum?

Sick: Weil rund 40 Prozent des Energieverbrauchs in Deutschland auf das Konto von Gebäuden gehen und sie damit das größte Potenzial zum Energiesparen aufweisen. Das gilt vor allem für vor 1996 gebaute Immobilien, also für rund 84 Prozent der Gebäude. Im Durchschnitt verbrauchen diese fast dreieinhalb Mal soviel Energie wie ein Neubau, der nach der gültigen Energieeinsparverordnung errichtet wurde.

Energetische Sanierungen im Bestand gelten als teuer …

Sick: Sind sie aber nicht zwangsläufig. Man kann energetisch sehr günstig sanieren und die Investitionen über die eingesparten Energiekosten relativ schnell amortisieren – wenn die Sanierung sorgfältig geplant wird und der Bauplaner, die Installateure, der Bauherr und alle weiteren Beteiligten an einem Strang ziehen. Nur: Zu einer solchen integralen Planung kommt es in den seltensten Fällen.

Warum?

Sick: Weil Fachplaner gerne Standard­lösungen aus der Schublade ziehen und sich ungern neuen Ansätzen öffnen. Außerdem sind energetische Sanierungen für sie nicht immer lukrativ. Energieeffiziente Gebäude benötigen zum Beispiel kleinere Heizungen. Das macht die Heizungsanlage preiswerter. Daran haben aber weder Planer noch Installateure ein Interesse, weil ihr Honorar sinkt. Kluge Planung sollte Honorarfragen rasch klären.

Was ist durch energetische Sanierungen im Bestand möglich?

Sick: Sie können den Energiebedarf eines Gebäudes drastisch senken. Wie stark, zeigt etwa in Berlin die größte städtische Wohnungsbaugesellschaft Degewo mit ihrem Zukunftshaus. Der Mehrgeschosser aus den 1950er-Jahren hat 64 Wohneinheiten und wurde mit einem Niedertemperaturkonzept grundsaniert.

Sie hatten maßgeblichen Anteil an der Planung. Sind Sie zufrieden mit deren Umsetzung?

Sick: Ohne Abstriche. Das Zukunftshaus zeigt sehr gut, was möglich ist. Wärme erzeugt es in erster Linie über fotovoltaisch betriebene Wärmepumpen sowie Solarthermie, deren Erträge in einen Speicher im Erdreich fließen, aus dem die Pumpen Warmwasser beziehen und weiter erhitzen. Stromüberschüsse aus den Fotovoltaikmodulen können ebenfalls gespeichert werden. Jede Wohnung ist zudem mit Deckenstrahlungsheizungen ausgestattet, dezentrale Lüftungsgeräte beugen Wärmeverlusten vor.

Fotovoltaik? Wärmepumpen? So innovativ klingt das nicht …

Sick: Die einzelnen Techniken und Komponenten im Zukunftshaus sind es auch nicht. Innovativ ist deren Kombination. Stichwort Planung.

Und was bringt die Sanierung unterm Strich?

Sick: Im Ergebnis sinkt der Wärmebedarf der Wohnungen um bis zu 85 Prozent. Die Kohlendioxid-Emissionen gehen auf rund vier Tonnen im Jahr zurück, das ist ein Viertel des ursprünglichen Niveaus. Zugleich fallen die Betriebskosten für die Mieter um bis zu zwei Drittel niedriger aus als vor der Sanierung. Und Degewo ist jetzt unabhängiger von schwankenden Brennstoff- oder Wärmepreisen. Zugekauft werden muss nur die Strommenge, die über die Erzeugungskapazität des Hauses hinausgeht.

Wenn energetische Sanierungen so viele Vorteile haben, warum sind sie kein Selbstläufer in den Kommunen?

Sick: Ein Grund sind sicherlich die klammen Kassen in vielen Städten und Gemeinden. Ich denke, dass viele Kommunal­politiker sich auch gar nicht bewusst sind, dass eine gute Sanierung Geld einspart beim laufenden Betrieb eines Gebäudes. Die anfänglichen Investitionskosten für die Sanierung und die nach der Sanierung anfallenden Betriebskosten werden meist getrennt betrachtet. Klar erkennen lassen sich finanzielle Vorteile aber erst durch eine Vollkostenrechnung.

Was raten Sie Kämmerern?

Sick: Genau zu rechnen, sorgfältig zu planen und langfristig zu denken. Wenn man baut und saniert und es falsch macht, hat man Tatsachen für die nächsten 50 Jahre geschaffen. Die können sich als teuer erweisen, wenn die Energiepreise steigen oder der Gesetzgeber Auflagen verschärft. In meinen Augen sollte immer geprüft werden, ob eine ohnehin anstehende Gebäudesanierung aus nicht energetischen Gründen sich nicht mit einer energetischen Sanierung verbinden lässt. Das birgt in der Regel positive Effekte auf der Kostenseite.

Interview: Thomas Wischniewski

Der Interviewer
Thomas Wischniewski, Berlin, ist freier Journalist

Zur Person: Prof. Dr.-Ing. Friedrich Sick forscht und lehrt an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin zu regenerativen Energiesystemen. Mit seiner Expertise hat er die Berliner Wohnungsbaugesellschaft Degewo bei der energetischen Sanierung eines großen Bestandsgebäudes unterstützt – dem „Degewo Zukunftshaus“, einem Modellprojekt für die Energiewende im Wohnungsbestand.